vlnr : Ruth, Hildegard, Mama Hildegard und Hartmut

Vati kam nur noch auf Urlaub, erst von Frankreich, später Rußland.
Und Ruth trägt die Geschwister in den Keller wenn die Bomben fallen –
dazu auch noch die Aktentasche mit „Papieren“ und die andere mit Essen und Trinken, in den Keller unterm Haus –
wer erkennt heut noch den ausgehackten Durchgang in den Kellerwänden
zu dem Nachbarhaus, geöffnet nur, damit die Wartenden von nebenan entkommen können, wenn ihr Haus getroffen wird,
und als ein Haufen Schutt und Steine auf dem Keller landet, brennend und erstickend schwer,
ein Haufen Steine, Feuer und Besitz, ab da nur noch Erinnerung,
und nur für Menschen die einmal dort lebten, niemand sonst –
mit 5 und 6 ist das ein Weltbild.
Und dann kam Vati nicht mehr, nur ein Brief.
Und 50 Jahre später und in Hamburg, gibt es einen „Probe-alarm“ –
die Sirenen prüfen. Um 10 läuft er an, der heulende Ton – Ruht weiß das, und sie weiß auch, es ist nur eine Probe. Zeitung, Radio, tagelang vorher, sie weiß, das ist nur eine Probe, nur ein Test, für die Maschinen,
sie hat es mir gesagt, das kommt wohl heute wieder, ich habe nicht darauf geachtet.
Dann geht es los, und die Motoren der Sirenen drehen hoch, ehr langsam, zäh, gewaltig, groß, weitreichend, laut – ein Fanal, jetzt kommt das Ende.
Und Ruth –
sie setzt sich hin, sie zittert –
sie weiß, es ist nur eine Probe –
und weiß, da ist es wieder –
und sie hat keine Worte.
Sie wartet –
bis es vorbei ist –
die Maschine der Sirene gibt Entwarnung,
die gleichen Motoren, die Maschine läuft,
und eine andere Nachricht.
Dann steht sie auf und nacht Tee.